Schoeler.Berlin - Kunsthaus für alle

Oliver Möst, Karl-Marx-Allee, 2018

Schoeler.Berlin
Wilhelmsaue 126, 10715 Berlin

Öffnungszeiten: Mittwoch – Samstag von 14 bis 19 Uhr
Eintritt frei

Stadt
Sand | Wasser | Stein | Menschen

Künstler*innen: Georg Klein, Meike Kuhnert & Michel Aniol,
José Chambel-Marques, Birgit Szepanski, Ulrich Vogl, Detlef Wendorf

Ausstellung vom 29. September bis 16. November 2019

Eine Ausstellung über Utopien und Realitäten, Urban Gardening und Berliner Tafel, Wohnen wollen und Wünschen, Stadtgesellschaft, den urbanen Raum, Begegnung in unserer Stadt, gemeinsame Gestaltung und Verwaltung.

Georg Kleins Installation bleibt dem Warten dicht auf den Fersen. „Warten“ zeigt ein best of der Wartenden auf Berlins Alexanderplatz. Einzeleinstellungen portraitieren Wartende in Echtzeit, ohne den Anlass ihres Wartens zu zeigen. Auch diese Bewegungs-Bilder übernehmen unvermeidlich die Funktion, die im Alltag des Wartens der Imagination des Betrachters obliegt: Die Wartedauer wird in Augenblicke zergliedert und filmisch rekonstruiert. Allerdings stellt die Installation dieses Verfahren auf der auditiven Ebene bewusst aus: Bertolt Brechts Gedicht „Der Radwechsel“ (1953), gesprochen von Otto Sander, erklingt in Fragmenten und Wiederholungen längerer Samples. Die Wartedauer des lyrischen Ichs nimmt hier also ebenfalls neue Formen an.

Für "Alpen – halb restauriert" beauftragte Ulrich Vogl die Restauratorin Claartje van Haaften eine Karte der Alpen so zu restaurieren, dass alle Straßen, Städte und andere Symbole der Zivilisation nicht mehr sichtbar sind. Dabei benutzte sie dieselben Restaurierungstechniken welche auch bei beschädigten Gemälden verwendet werden.
„Window to go (4)“, Stoff, Faden, Nägel, 300 x 300 cm, 2018; das Fenster kommt in unterschiedlichen Arbeiten von Ulrich Vogl vor, es ist der Blick nach draussen, das innehalten und darüber nachdenken was wir sehen. Bei „Window to go (4)“, spielt die Idee von Heimat eine große Rolle für den Künstler, das Fenster als Erinnerung, der vertraute Blick nach Draussen, zum mitnehmen.

Birgit Szepanski Arbeiten beziehen sich auf verschiedene Geschichten rund um den Ausstellungsort Schoeler.Berlin. Durch Spaziergänge in der Wilhelmsaue und Umgebung und Recherchen im Stadtarchiv Charlottenburg-Wilmersdorf sind multimediale Arbeiten „Gespräch mit einer Krähe“ (Hörstück, Fotografie, Installation) und „Umhüllung eines Gedenksteines“ (Aktion, Installation, Foto-Text-Display) sowie „Textur eines Ortes“ (Modell, Essay) hervorgegangen. „Umhüllung eines Gedenksteines“ bezieht sich auf einen fast vier Meter hohen Gedenkstein, der im grünen Mittelstreifen der Wilhelmsaue steht. Aufgestellt wurde der Gedenkstein 1933 als ›Schlageter-Stein‹ von der damaligen Wilmersdorfer Bezirksverwaltung, die aus Anhängern der NSDAP bestand. In einer im Granitstein eingelassenen Bronzetafel wurde an den ›Freikorpskämpfer‹ Leo Schlageter (1894-1923) erinnert. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb der Gedenkstein in der Wilhelmsaue stehen. 1956 wurde eine neue Tafel eingesetzt, deren Inschrift bis heute zu lesen ist: „Du befindest Dich hier auf der ehemaligen Dorfaue im ältesten Teil unseres Bezirkes. Um 1750 gaben Bauerngehöfte, umschlossen von Feldern, Wiesen und Seen, Alt-Wilmersdorf das Gepräge.“ Szepanski macht mit ihrer Umhüllung (Aktion), der Stoffhülle (Installation) und einem Foto-Text-Display auf den ambivalenten Bedeutungswechsel des Gedenksteines aufmerksam: Die Stoffhülle nimmt dem Gedenkstein seine Monumentalität und ermöglicht
dadurch eine Reflexion über Erinnerungskultur in der Stadt. Die Assoziationsbreite der Hülle, beispielsweise als Gespenst, Verpackung oder Mantel erweitert diese ortsbezogene Arbeit.

Die Arbeiten von José Fernando Chambel Marques wirken auf den ersten Blick wie ein abstraktes Formenspiel: sie sind harmonisch komponiert und gleichzeitig von einer inneren Spannung gekennzeichnet, die den Betrachter der Bilder herausfordert. Beim näheren Hinsehen offenbaren sie Stück für Stück eine tiefere Bedeutung, dank wiederkehrender Symbole, und Bilder die auf alte Wissens-Systeme, Philosophie und historische Ereignisse anspielen.

In den Arbeiten von Detlef Wendorf erschliesst sich das Thema der Ausstellung recht eindeutig, er malt und zeichnet Architektur-Ansichten und Architektur-Studien, er spielt dabei auch gekonnt mit Leerstellen und Dopplungen, weisse Flächen und nur schemenhafte „Studien“ treffen im selben Bild auf detaliert ausgearbeitete Oberflächen.

Die Arbeit „Bearing and Weighing - Circular Thinking“ (2019) von Meike Kuhnert & Michel Aniol ist ebenfalls für die Ausstellung entstanden. Der Titel der multimedialen Installation bezieht sich nicht nur auf das architektonische Prinzip des Tragens (Bearing) und Lastens (Weighing) sondern auch auf soziale Strukturen unserer Gesellschaft. Stadt als Begegnungsort und Nebeneinander von sehr verschiedenen Lebenswelten wird in dieser Arbeit ebenso thematisiert wie unsere Erwartungen an Wohnformen und die gesellschaftlichen Normen. Besitz und Besitzlosigkeit und die Bewertung abhängig von der Gesellschaft spielt hier eine bedeutende Rolle. Im Inneren der Skulptur zeigt die Videoarbeit ‚Today a Hobo, Tomorrow God‘ von Michel Aniol das Zusammentreffen der Sadhus (Sanskrit, z. Deutsch: Heiliger Mann). Sadhu ist im Hinduismus ein Oberbegriff für jene, die sich einem religiösen, teilweise streng asketischen Leben verschrieben haben. In Indien werden Sadhus meist sehr respektiert, da ihre Askese nicht nur als persönliche Aufgabe, sondern auch als stellvertretende Handlung für viele gesehen wird.
 

Auswahl begleitender Veranstaltungen


Vortrag zur Wilhelmsaue und Erinnerungskultur im urbanen Raum mit der Künstlerin und Autorin Birgit Szepanski, anschliessend Diskussion mit der Architekturtheoretikerin Mary Pepchinski, am Donnerstag, den 10. Oktober um 18 Uhr, in der Villa Oppenheim, www.villa-oppenheim-berlin.de

Behindert sein, behindert werden: Der Alltag von Menschen mit Behinderung,
am Freitag, den 18. Oktober von 18 bis 20 Uhr, Dokumentarfilm und Diskussion im „Haus der Nachbarschafft“, Straße am Schoelerpark 37

Stadtgefühl(e). Lieder und Texte von und mit Lizzie Libera und Ilka Haederle,
am Samstag, den 26. Oktober ab 19 Uhr

STADT BAHN PAPIER
Zeichen und Malaktion zum Mitmachen und Zusehen
Veranstaltet vom Team des Kunstwerk blisse und dem Lwerk Berlin,
am Freitag den 01. November, ab 17 Uhr, im Schoeler.Berlin

„Casual Encounters“ (Zufällige Begegnungen), Techniken kultureller Produktion im urbanen Raum
Ein einstündiger Spaziergang mit Gespräch, von und mit Meike Kuhnert & Michel Aniol
am Samstag, den 2. November um 15.00 Uhr, Treffpunkt Schoeler.Berlin

Künstlergespräch mit dem Klangkünstler georg klein über Klangkunstprojekte in der Stadt,
am Freitag, den 8. November um 19:00

Ausblick auf die zukünftige Nutzung des Schoeler.Berlin,
im Anschluss Finissage, am Samstag, den 16. November ab 19 Uhr

Ulrich Vogl, „duett“, 2016 | Meike Kuhnert & Michel Aniol, „Bearing and Weighing - Circular Thinking“, 2019
Detlef Wendorf, Architektur I, 2017, und Blick in den Hinterhof, 2014 | Meike Kuhnert & Michel Aniol, "Bearing and "Weighing- Circular Thinking", 2019
José Chambel-Marques, Fokushima, 2012 | Birgit Szepanski, „Umhüllung eines Gedenksteines“, 2019
Detlef Wendorf, Studie Architektur, 2018 | Ulrich Vogl, „window to go 4“, 2018
Georg Klein, "warten / waiting", 2015