Replace the Space

Installation von Noa Heyne
Noa Heyne, Grey City, 2019, Mixed Media

Noa Heyne und John von Bergen - Skulptur/Installation

Ausstellung
vom 4. Mai bis 26. Juni 2022

 

Das Auge sieht keine Dinge, sondern Figuren von Dingen, die andere Dinge bedeuten.

(Italo Calvino)[i]

Städtebau und Architektur sind seit jeher standhaftes Zeugnis sozialer und politischer Verfasstheit von Gesellschaften. Was ist aber nun, wenn diese Architektur dekontextualisiert oder fragmentiert wird? Wenn Architekturelemente als Symbol- und Sinnträger einer Gebäudefunktion neu interpretiert und verwendet werden? Dieser neuen, anderen Nutzung von Raum und Raumerfahrung widmen sich Noa Heyne und John von Bergen in ihren Arbeiten. In ihren Werken nehmen sie Fragmente der Architektur oder Objekte des alltäglichen Gebrauchs und heben ihre strengen Deutungsprinzipien und -kategorien auf. Ihr Schaffen ist damit gleichsam die Aufforderung zur Rhapsodie, zum Ungehorsam des Denkens gegenüber dem urbanen, architektonischen Raum.


[i] Italo Calvino, Die unsichtbaren Städte, Frankfurt am Main 2013, S. 21.

 

Dieser Anspruch, Raum und Architektur neu zu denken, umzudeuten und neu erfahrbar zu machen, erscheint angesichts der Baugeschichte des gastgebenden Ausstellungsraumes - der heutigen Kommunalen Galerie Berlin -  in ganz neuem, historisch belasteten Licht. Nach ihrer Machtübernahme hatten die Nationalsozialisten im Mai 1933 die freien Gewerkschaften zerschlagen und die „Deutsche Arbeitsfront“ gegründet, in der fortan Arbeitnehmer und Arbeitgeber zentral erfasst wurden. Als eine der einflussreichsten und mächtigsten Organisationen im Dritten Reich bestimmte sie alle arbeits- und sozialrechtlichen Fragen im Rahmen der NS-Ideologie. Im Krieg schwer zerstört, wird das Gebäude nach 1945 wieder aufgebaut, erhält aber eine gänzlich neue Fassadengestaltung, die heute die ursprüngliche Nutzung der Institution kaum mehr erahnen lässt. Allein Fragmente der Architektur sind heute erhalten und stilles, hinter neuer Fassade verstecktes Zeugnis der Täter-Geschichte.

Architektur umzuwidmen, umzudeuten und – zuweilen spielerisch – neu zu kontextualisieren ist das Leitthema der Ausstellung Replace the Space mit Werken von Noa Heyne und John von Bergen. John von Bergen lässt in seinen Arbeiten Objekte hinter der Wandfarbe verschwinden oder lässt sie aus der Wand herauswachsen. So generiert er die Anmutung von Verborgenem, nicht mehr zu Identifizierendem. Noa Heyne bricht hingegen Boden oder Wand in Einzelteile, bindet sie wie Marionetten an Handhalterungen und Strippen und erlaubt Besucher*innen das spielerische Auflösen vermeintlich fester Strukturen.

John von Bergen, "Fader Nr. 1", 2011, Paper, epoxy, polymer-gypsum, wall paint , 74 x 38 x 18 cm

Noa Heyne (geb. 1982 in Ramat Gan, Israel) ist eine multidisziplinär arbeitende Künstlerin, die in Berlin lebt. Sie schafft ortsspezifische Installationen, in denen die Betrachter*innen physisch integriert werden und die beeinflusst sind von Marionetten-Theater und Architektur. Heyne studierte Malerei und Vergleichende Literaturwissenschaften in Jerusalem und erhielt ihren MFA in Bildhauerei vom Maryland Institute College of Art (2017), wo sie 2018 auch Lehrbeauftragte war. Ihr wurden mit mehreren Residencies verliehen, darunter die Acre Residency in Wisconsin, USA (2018), der ZK/U residency in Berlin (2019) und der Culture Zone residency in Wroclaw, Polen (2020). Heyne wurde mit einer Reihe von Preisen ausgezeichnet, so unter anderem mit dem LABA Berlin Fellowship (2021), der BBK Projektförderung (2021), dem Projektförderpreis der Stiftung Zurückgeben (2019), einer Nominierung für den Baker Artists Award (2018) und dem MICA LAB Preis (2017).

John von Bergen (geb. 1971 in Connecticut, USA) erhielt seinen BFA mit Auszeichnung von der School of Visual Arts in New  York City. Seit 2003 lebt und arbeitet er in Berlin. Zahlreiche seiner Werke wurden in Ausstellungen in Museen, Galerien und Kulturinstitutionen präsentiert – in Deutschland  unter anderem im Kunstmuseum Stuttgart, im Wilhelm-Hack Museum in Ludwigshafen, in der Halle 14 in Leipzig und in der Galerie Schmela in Düsseldorf.
Von Bergen wurde mit zahlreichen Preisen und Residencies ausgezeichnet, darunter dem Preis der Pollock-Krasner Foundation, der Stiftung Deutsche Klassenlotterie (für einen Ankauf durch die Berlinische Galerie) und jüngst einem Forschungsstipendium des Berliner Senats. Aktuell arbeitet er an einem Kunst-am-Bau Projekt für einen Erweiterungsbau des Deutschen Bundestages, dessen Fertigstellung für 2025 geplant ist.
Seit 2017 ist von Bergen Direktor für Studio Arts am Bard College Berlin. Sein Atelier hat der Künstler in einem ehemaligen Stasi-Gebäude in Hohenschönhausen.

Künstler*innengespräch

moderiert von Dr. Dorothea Schöne | Kunsthaus Dahlem
Sonntag, 12. Juni 2022, 14 Uhr

Noa Heyne, City spread its limbs 2, 2019
John von Bergen, !, 2018, Schreibmaschine, handgeschöpftes Papier, Tinte, MDF, Polymer-Gips, Farbe

Besucherinnen vor dem Werk "Small White Flag" von John von Bergen
Besucherinnen vor dem Werk "Fader Nr. 1" von John von Bergen
Die Künstlerin Noa Heyne demonstriert den Aufbau ihres Werkes "Cities"
John von Bergen, Between History and Fiction, 2022, Foto: Henning Moser
Impression Ausstellungseröffnung
von links nach rechts: John von Bergen, Dr. Dorothea Schöne, Noa Heyne, Dorit Elkanati, Elke von der Lieth